CO2 Kompensation bei Flügen: Ist das sinnvoll? 10 Fragen und Antworten

10 Gedanken zum Thema CO2 Kompensation

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as Thema CO2 Kompensation bei Flugreisen rückt durch die zunehmende Diskussion über die Emissionen mehr und mehr in den Fokus. Bis vor kurzem wussten nur wenige Reisende, dass man den durch einen Flug verursachten individuellen CO2 Fußabdruck berechnen und zumindest theoretisch ausgleichen kann.

Mittlerweile erhält das Thema aber die Aufmerksamkeit, die es verdient. Dabei gehen die Meinungen sehr weit auseinander. Teilweise wird die CO2 Kompensation als die perfekte Lösung für die Umweltprobleme der Flugbranche beschrieben. Sehr häufig aber auch als Ablasshandel, mit dem sich Flug-Reisende ein reines Gewissen kaufen können, gebrandmarkt.

Interessant ist bei der Diskussion, dass sie auf beiden Seiten teilweise sehr dogmatisch geführt wird. Für eine Seite kommt nur ein kompletter Verzicht auf Flüge in Frage, während die andere einen Angriff auf die persönliche Freiheit wittert. Höchste Zeit also, dass wir uns mit 10 Fragen und Antworten zum Thema CO2 Kompensation in die Debatte einmischen.



Welchen Anteil haben Flüge eigentlich am weltweiten CO2 Ausstoß?

So intensiv wie das Thema Fliegen aktuell diskutiert wird, könnte man meinen, dass der Flugverkehr fast im Alleingang den Klimawandel bewirkt hat. Bei genauerer Betrachtung relativiert sich das Bild allerdings. Der weltweite Flugverkehr ist laut zahlreicher Studien für 2 bis 3% der CO2 Emissionen verantwortlich.

Wichtiger als diese Zahl ist allerdings die Klimawirkung des Flugverkehrs. Flugzeuge stoßen nicht nur CO2 aus, sondern auch Stickoxide, Ruß oder Wasserdampf. Dies alles geschieht in den höheren Schichten der Atmosphäre und trägt z.B. auch zur Bildung von Kondensstreifen bei, die zusätzlich zum Treibhauseffekt beitragen.

Je nach der Zielsetzung des Auftraggebers der Studien zur Klimawirkung des Fliegens, schwanken die Ergebnisse zwischen 4 und 8%. Die Seite Klimaschutz-Portal, übrigens betrieben vom Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft e.V., sieht alles etwas positiver als Fluglaerm.de, die von der Bundesvereinigung gegen Fluglärm e.V. betrieben wird.

Mit einem Anteil von rund 5%, den übrigens auch der BUND angibt, sollte man also einen guten Richtwert für den Anteil der vom Menschen zu verantwortenden Klimaänderung haben. Das hört sich zunächst nicht so dramatisch an.

Wenn man aber bedenkt, dass bisher 90% der Weltbevölkerung noch nicht fliegen und der Flugverkehr ständig zunimmt, sieht man, dass das Fliegen durchaus zu Recht diskutiert wird. Es braucht daher dringend neue Lösungsansätze.


Wie funktioniert die CO2 Kompensation bei einem Flug?

Um es noch einmal zu sagen, der Begriff CO2 Kompensation ist, eigentlich nicht ganz richtig. Man müsste es vielmehr „Klimawirkungs-Kompensation“ nennen, denn es geht beim Fliegen ja nicht nur um CO2. Da CO2 Kompensation sich aber als Schlagwort etabliert hat, benutzen wir es ebenfalls, auch wenn wir den Ausgleich der gesamten Emissionen und ihre Folgen für das Klima meinen.

Es geht also um den Ausgleich der Folgen des Fliegens. Das Ziel ist dabei, zumindest theoretisch, einen Kreislauf zu schaffen, in dem die Emissionen, die durch einen Flug entstehen, an anderer Stelle eingespart werden. Wir wollen dies etwas vereinfacht am Beispiel der Klimaschutzorganisation Atmosfair verdeutlichen.

Bei Atmosfair findet man einen Kompensationsrechner mit dessen Hilfe sich die Klimawirkung eines Flugs berechnen lässt. Anhand von modernen klimawissenschaftlichen Methoden und einer großen Menge an Daten aus dem Flugverkehr und dem Flugzeugbau, lassen sich ziemlich genaue Emissionswerte eines Flugs berechnet. Dabei wird z.B. auch die Flughöhe, die durchschnittliche Auslastung und der Flugzeugtyp einbezogen.

Aus den zu erwartenden Emissionen, die man sich auch im Detail anzeigen lassen kann, wird ein Geldbetrag pro Fluggast ermittelt. Dieser Betrag wäre aufzubringen, um an anderer Stelle in gleichem Maße positiv auf das Klima einzuwirken. Wird durch einen Flug also beispielsweise eine Klimawirkung von 1.000 kg CO₂ verursacht, so berechnet Atmosfair, wie viel Geld in einem der geförderten Projekte benötigt wird, um diese Wirkung auszugleichen.

Dies könnte dann beispielsweise in den Bau eines Biomasse-Kraftwertwerks in Indien fließen, in dem aus Ernteresten auf effiziente Weise Energie erzeugt wird, die vorher z.B. durch den Einsatz von Brennholz oder Öl erzeugt wurde. In der Theorie entsteht somit ein Kreislauf, der zumindest für die Übergangszeit, in der ein emissionsfreies Fliegen noch nicht möglich ist, die negativen Effekte von Flügen reduziert.

Es gibt übrigens neben Atmosfair noch weitere Anbieter im Markt der CO2 Kompensation. Hier sei z.B. myclimate erwähnt, die wir ebenfalls empfehlen würden. Es tummeln sich aber auch einige fragwürdige Seiten im Netz, an deren Seriosität nicht nur wir große Zweifel haben.

Wir möchten hier nicht zu sehr in die Tiefe gehen, dennoch aber empfehlen, sehr genau hinzuschauen, bevor man sich für einen Anbieter entscheidet. Wichtig ist in jedem Fall, dass der Anbieter international anerkannte Standards für die geförderten Projekte nachweisen kann.

Es hört sich beispielsweise sinnvoll an, wenn zur Kompensation Bäume gepflanzt werden. Wenn man aber bedenkt, dass ein Wald ca. 50 bis 100 Jahre benötigt, um eine positive Klimawirkung zu haben, klingt es schon weniger sinnvoll. Noch dazu kann in der Zeit viel passieren, was den Wald verschwinden lässt (Waldbrände, Schädlinge, Politikwechsel (siehe aktuell in Brasilien) etc..).

Man sollte es daher lieber Spezialisten überlassen, die Auswahl und Kontrolle der geförderten Projekte durchzuführen. Bei Atmosfair und myclimate ist dies gewährleistet. Die beiden Anbieter werden übrigens selbst regelmäßig kontrolliert und arbeiten sehr transparent.


Wie hoch ist eigentlich der Verbrauch eines Flugzeugs pro 100 km pro Person?

An dieser Stelle müssen wir zugeben, dass wir in der Redaktion auf diese Frage vor unserer Recherche recht abenteuerliche Zahlen im Kopf hatten. Zwischen 30 und 80 Litern Kerosin pro 100 km lagen unsere Antworten. Wenn man dann den tatsächlichen Wert von etwa 3,5 Litern pro Passagier auf 100 km sieht, bekommt man schon das Gefühl, dass die massive Berichterstattung rund um das Thema „Klimakiller Flugverkehr“ anscheinend Wirkung gezeigt hat.

Doch bevor wir jetzt gleich unserem ersten Gedanken folgen und meinen, dass dann ja alles doch gar nicht so schlimm ist, müssen wir leider noch mal etwas genauer draufschauen. Die 3,5 Liter sind nämlich nur ein Durchschnittswert, der davon profitiert, dass Mittelstreckenflüge relativ häufig sind und im Vergleich zu Lang- und Kurzstreckenflügen deutlich effizienter.

Der Kerosinverbrauch von Flugzeugen hängt nämlich stark von der zurückgelegten Strecke ab. Bei Kurzstreckenflügen verhagelt der hohe Verbrauch der Startphase eines Flugzeugs die Bilanz, während bei Langstreckenflüge das hohe Gewicht des Treibstoffs, der vom Start weg mitgenommen werden muss, den Verbrauch erhöht. Dies erklärt auch, wieso gerade die kurzen, aber auch die langen Flüge stärker in der Kritik stehen.

Im Vergleich zum Verbrauch eines Autos, sieht ein Flugzeug auf den ersten Blick dennoch gar nicht so schlecht aus. Dies umso mehr, wenn man bedenkt, dass ein großer Teil der Fahrten mit einem Auto von einer oder zwei Personen unternommen werden. Ist ein Auto mit vier oder fünf Personen besetzt, ändert sich das Bild aber sehr stark.

Bedenkt man dann noch, dass die Klimawirkungen von Emissionen in einer Höhe über 9.000 m noch einmal deutlich zunehmen (einige Studien gehen von einem Faktor von 3 aus) schneidet das Flugzeug nochmals schlechter ab. Der reine Verbrauch ist eben leider nicht alles, was es hier zu bedenken gibt.

Auch wenn die Verbrauchswerte auf den ersten Blick nicht schlecht aussehen und die Flugbranche in den letzten Jahren sehr kontinuierlich die Effizienz der Flugzeuge gesteigert hat, werden diese kleinen Schritte in die richtige Richtung vom rasanten Anstieg des Flugverkehrs pro Jahr leider ins Negative umgekehrt. Entwarnung können wir hier also nicht geben.

Gleichzeitig sollte man aber beim Blick auf die Zahlen und in der aktuellen Diskussion nicht vergessen, dass das Auto auch kein Klimafreund ist. Der Verkehr ist laut EU Umweltbehörde für fast 30% der CO2 Emissionen in der EU verantwortlich. 72% der CO2 Emissionen davon auf den Straßenverkehr und „nur“ 13% auf den Flugverkehr. Das größte Einsparpotential beim Verkehr liegt somit auf der Straße und nicht in der Luft.


Ich esse kein Fleisch, fahre kaum Auto und nutze Ökostrom. Dann kann ich doch auch mehr fliegen?

Um es kurz zu machen, ja man kann natürlich mehr fliegen, denn das verbietet einem ja niemand. Dies allerdings mit seinem ansonsten zurückhaltenden Lebensstil rechtfertigen zu wollen, funktioniert leider nur bedingt.

Auf das Auto weitgehend zu verzichten und stattdessen mehr Fahrrad zu fahren und Öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen, ist in jedem Fall gesünder und in Sachen Klimawirkung eine gute Maßnahme.

Ein Flug von Frankfurt auf die Kanaren und zurück hat jedoch die Klimawirkung von ca. 7.000 mit dem Auto zurückgelegten Kilometern. Jeder weitere Flug macht die Bilanz logischerweise auch nicht besser. Diese lässt sich auch nicht signifikant mit den 150 bis 300 Kg CO2, die man durch vegetarische Ernährung pro Jahr einsparen kann, verbessern.

Dennoch ist das Thema Reduzierung des Fleischkonsums beim Kampf gegen den Klimawandel wichtig. Denn hier kommt das Prinzip, dass auch kleine Änderungen große Wirkungen haben können zum Tragen. Spart nämlich jeder von uns 100 Kg CO2 durch eine Verhaltensänderung ein, wird die Gesamtbilanz deutlich besser. Nach Studien der UN trägt die gesamte Fleischindustrie nämlich zu 14,5 % der Treibhausgas-Emissionen weltweit bei. 30 % weniger Fleichkonsum könnten somit zumindest theoretisch fast die kompletten Emissionen des Flugverkehrs ausgleichen. Darüber kann man ruhig mal nachdenken, bevor man sich über Aufrufe zu Veggie-Days empört.

Was das Thema Ökostrom angeht, so wollen wir hier nicht zu tief einsteigen, denn wir müssten dann auf die sogenannte Ausbauwirkung des bezogenen Ökostroms eingehen und einzelne Quellen bzw. Anbieter genauer unter die Lupe nehmen. Wir belassen es aber lieber bei allgemeinen Schätzungen, die je nach Quelle besagen, dass man durch den Wechsel auf Ökostrom pro Haushalt zwischen einer und drei Tonnen CO2 pro Jahr einsparen kann.

Gehen wir mal davon aus, dass man ca. 10.000 km im Jahr mit dem Auto fährt, in einer 100 m² Wohnung wohnt und sich nicht vegetarisch ernährt. Dann könnte man durch eine Reduktion auf 3.000 km im Jahr über eine Tonne CO2 sparen, durch Umstellung auf grünen Strom und Heizung weitere 2,5 Tonnen und 300 Kg durch eine vegetarische Ernährung. Insgesamt sind also grob geschätzt vier Tonnen möglich. Alle genannten Maßnahmen sind also gut. Vor allen Dingen bei Heizung und Strom besteht großes Potential, um CO2 einzusparen.

Durch einen Flug nach Thailand, der mit einer Klimawirkung von ca. 4.500 Tonnen CO2 zu Buche schlägt, werden diese Sparmaßnahmen aber aufgehoben. Die Kompensation dieses Fluges bei einem seriösen Anbieter, macht daher auch bei einer ansonsten CO2 freundlichen Lebensweise Sinn.


Kann ich dank CO2 Kompensation endlich wieder sorgenfrei fliegen?

Es wäre doch schön, wenn es so einfach wäre. Ist es aber leider nicht, denn die CO2 Kompensation sorgt nicht dafür, dass ein Flugzeug weniger Kerosin verbraucht und weniger Schadstoffe ausstößt. Mit einer seriösen Kompensation kann man zwar die negativen Folgen eines Fluges für die Umwelt reduzieren, sie verhindert aber nicht die Entstehung von Emissionen.

Sorgenfreies Fliegen ist aber auch nicht das Ziel bei der Kompensation. Es geht vielmehr darum, sich die Folgen jedes einzelnen Fluges bewusst zu machen und einen Teil der Verantwortung zu übernehmen. Wichtig ist auch, sich Gedanken darüber zu machen, welche Flüge unbedingt sein müssen und über Alternativen nachzudenken.

Ist der Flug von München nach Nürnberg (ja, die Stecke wird wirklich angeboten) und von Frankfurt nach Berlin nicht im Zug viel angenehmer zurückzulegen? Ist es wirklich sinnvoll, ein verlängertes Shopping-Wochenende in New York zu machen? Könnte man das nicht vielleicht besser mit der längeren USA Reise verbinden, die ohnehin schon länger geplant ist?

Wenn man über diese Dinge nachdenkt und die Flüge, die dann übrig bleiben, kompensiert, ist schon mal ein weiterer Schritt in die richtige Richtung getan.


Wieso machen es die Airlines nicht?

Fragt man die PR Abteilung einer Airline, wird diese sicherlich darauf hinweisen, dass sie es jetzt schon teilweise freiwillig tun und ab 2020 im Rahmen des CORSIA Abkommens der UN-Luftfahrtorganisation ICAO alle tun werden. Ziel dieses Abkommens ist es nämlich, dass ab 2020 zumindest die CO2 Emissionen, die durch das Wachstum des Flugverkehrs entstehen, ausgeglichen werden. Der Flugverkehr soll dann somit CO2 neutral wachsen.

Das hört sich zunächst ja mal gut an. Betrachtet man die Vereinbarung aber etwas genauer, stellt man zunächst schon mal fest, dass es ab 2020 eine freiwillige Phase gibt. Erst ab 2027 sollen die Regeln verpflichtend werden. Schaut man dann noch genauer auf die Verpflichtungen, die die Branche mit dem Abkommen eingegangen ist, wird das grüne Blatt schon eher gelblich-braun.

Zunächst einmal will man eben nur die ab 2020 zusätzlich anfallenden CO2 Emissionen kompensieren und nicht den gesamten Ausstoß. Es wird außerdem nur der reine CO2 Ausstoß betrachtet und nicht die komplette Klimawirkung, die ja wie wir oben schon erläutert haben, um den Faktor 2, 3 oder 4 x höher liegt.

Darüber hinaus hat man nicht festgelegt, welchen Qualitätsstandard die durch die Kompensationszahlungen geförderten Projekte haben sollen. Es könnte also sein, dass man Projekte fördert, die nachweislich keinen oder sogar einen negativen Effekt für das Klima haben.

Wenn das Abkommen im Jahr 2027 dann endlich verpflichtend wird, werden auch nur insgesamt 78 Länder von 191 dabei sein. Bei den „Verweigerern“ handelt es sich nicht etwa nur um kleine Länder, denn mit Indien un